zurück zum Forum
|
(Beitrag von Gisela Ulmann in mehreren E-Mails im November 2008 an Jürgen, Auszüge, verschiedene E-Mail sind optisch getrennt.) Ich habe viel über offenen Unterricht gelesen und auch in Schulen mit offenem Unterricht oder sogar insgesamt offenen Schulen hospitiert und fand es immer faszinierend, wie intensiv sich Schülerinnen und Schüler mit dem ihnen zur Verfügung gestellten Material auseinandersetzten bwz. eigenen Projekten nachgingen. übliche Disziplinprobleme habe ich dort nie erlebt. Dies sogar in einer Schule in einem "Problembezirk", in dem kein Schüler seine Schulsachen mit nach Hause nehmen durfte, weil sie dort unweigerlich "verloren gegangen" wären. Meines Wissens hat Klaus Holzkamp diese Erfahrung nicht gemacht. ... Holzkamp schreibt, daß die den Schülern zur Verfügung gestellten Materialien zwecks "Entdeckung" vorgeben, was Schüler entdecken also lernen sollen, ich würde hinzufügen: können. Die m.E. entscheidende Fragen sind also
Auf alternative Schulen geht er [K. Holzmann, Einfügung JG] in seinem Lernbuch nicht ein. Punkt. Wohl aber auf alternative Konzepte, wie z.B. das entdeckende Lernen, wie Jerome Bruner es - gemäß Piaget - konzipiert hat. Die erwähnten Artikel von Morus Markard und das erwähnte Buch von mir (Gisela Ulmann) entsprechen den Artikeln zur Kritik an Erziehung von Klaus Holzkamp, z.B. "Was können wir von Karl Marx über Erziehung lernen" in Demokratische Erziehung 1983. Es geht auch hier um das grundsätzliche Problem, daß Zöglinge gemäß dem "Erziehungsgedanken" als Objekte der Erziehung, deren Subjekt der Erzieher ist, gemacht werden. Die Dissertation von Charlotte Rudolph über Waldorfschulen (mit dem Untertitel "Wege zur Versteinerung") habe ich damals betreut (als Doktormutter) und mich in dem Zusammenhang über Waldorfschulen informiert. Waldorfschulen gehören zwar auch zum Verband der "freien Schulen", sind aber m.E. keineswegs "offene Schulen". "Frei" ist hier der Gegensatz zu staatlichen Schulen. ... Den Ansatz von Falko Peschel kenne ich (noch) nicht, gehe aber davon aus, daß "offener Unterricht" nach allgemeinem Verständnis zunächst mal ein Gegenbegriff zu Frontal-Unterricht ist. Hierunter wird dann z.B. Montessori-Pädagogik subsummiert, die eine "vorbereitete Umwelt" als sinnvoll und notwendig ansieht - und als mir bislang bekanntes Extrem die Sudburry-Schools, in der - laut mir bekanntem schriftlichem Material dazu - Schüler sozusagen einen Antrag stellen müßen, wenn sie einen Lehrer kontaktieren müßen, und wo die Kunst des Lehrers darin besteht, abzuwarten, bis ihn ein solcher Antrag erreicht. Nach Ihrer Darstellung vom Ansatz von Falko Peschel wäre dieser dann noch radikaler. In Berlin versuchen Anhänger der Antipädagogik gemäß E. von Braunmühl seit Jahren, eine solche Schule zu gründen, sie sind jedenfalls zum Teil in "KRÄTZÄ" (Kinderrechtszänker) organisiert. Ich habe die Versuche seit ca. 2 Jahren nicht mehr weiter verfolgt, bis dahin waren die Konzeptions-änderungen, um eine Zulaßung zu erreichen, aber so, daß versprochen wurde, daß sozusagen auch aus dieser Schule Menschen hervorgehen würden, die den Staat stützen. Etwas anderes kann "der Staat" ja auch nicht (schon gar nicht finanziell) unterstützen. "Alternative Pädagogik" wäre m.E. auch Bueb ob Salem: Lob der Disziplin. Für mich ein alptraumartiges Buch. [Der folgende Text ergibt sich aus der Mail von Jürgen an Frau Ulmann und ihren in der Antwort gegebenen Antworten] [JG] Ein zweiter Schritt wäre dann vielleicht zu sehen, ob und wie der Offene Unterricht nach Peschel zu dieser Sichtweise paßt. [Gisela Ulmann] Holzkamp schreibt, daß die den Schülern zur Verfügung gestellten Materialien zwecks "Entdeckung" vorgeben, was Schüler entdecken also lernen sollen, [JG] Bei Falko Peschel werden keine Materialien vorgegeben, er hat die Konzeption des 'weißen Blattes'. Die Lernideen kommen von den Kindern selbst und im Morgenkreis wird darüber gesprochen: Was machst Du heute? wir jedes Kind gefragt. Insofern gibt es nichts, was die Kinder entdecken sollen, bzw. lernen sollen. [Gisela Ulmann] ich würde hinzufügen: können. Die m.E. entscheidende Fragen sind also 1. ist das, was Schüler daran lernen können, in ihrem subjektiven Intereße? [JG] Weil es kein Material, keine Vorgaben gibt, ist diese Frage meiner Ansicht nach gegenstandslos. Wenn es keine Materialien und keine Vorgaben gibt, dann müßen/sollen Kinder auch 'daran' nichts lernen, was mehr oder weniger in ihrem subjektiven Intereße liegt. [Gisela Ulmann] Wenn Kinder mit "weißen Blättern" aufwachsen, können sie doch gar keine Fragen stellen. Der Pädagoge, der sowas - in Schulen - macht, geht davon aus, daß Kinder außerhalb der Schule Anregungen bekommen, und verzichtet darauf, ihm seinerseits solche zu geben. Wie im Morgenkreis über das, was Kinder außerhalb der Schule an Anregungen fürs Lernen (auch Begreifen) gesprochen wird, fände ich sehr intereßant. Wenn ein Kind - jetzt aktuell - sagt: mein Opa sagt, daß ein Neger die Präsidentschaftswahl in Amerika gewonnen hat, ist furchtbar, jetzt übernehmen die Neger die Macht und alle Menschen werden ab jetzt schwarz und schmutzig, was dann? [JG] Ja, der Unterricht besteht aus ihren Fragen und ihren Vorhaben und der Unterstützung des Lehrers, der diese Vorhaben ernst nimmt und Kinder auch an ihre Vorhaben erinnert, ohne sie darauf festzulegen, d.h. das Kind dann seine Vorhaben auch wechseln, verändern. [Gisela Ulmann] Ja, wie geht das mit dem "ernst nehmen"? Was wird denn "ernst genommen"? Eine seiner [K. Holzkamp, Einfügung JG] Kernaussagen ist, daß Menschen immer Subjekte sind, also auch Subjekte ihres Lernens. Im "Lehrlernen" werden die Lehrer aber als Subjekte konzipiert. Das veranschaulicht Holzkamp auch in seiner Analyse von Rahmenplänen, in denen steht "die Schüler lernen" bzw. "die Schüler können jetzt" und ähnliches. Nie aber: Schüler sollen lernen. Holzkamp schreibt, daß die Schüler als Subjekte im Schulreglement "entöffentlicht" seien, womit er meint, daß so getan wird, als wären sie Objekte des Lehrens (wie im Bild vom Nürnberger Trichter). Auch wenn er sich m.W. nicht explizit mit "offenem Unterricht" oder alternativen Schulen auseinandersetzt, plädiert er doch dafür, daß Schüler in der Schule ihre Fragen stellen können sollen - und ihren Intereßen nachgehen können sollen. Allerdings beschreibt er auch als "Sternstunden" seines eigenen schulischen Lernens solche, die von Lehrern ausgelöst wurden, allerdings außerhalb des Unterrichts, wo es - wenn man so will - um Hobbies der Lehrer ging (Klavier spielen, Literaturstudium). Ich persönlich bin der dezidierten Meinung, daß offene Schulen im Prinzip "die" Alternative zu den üblichen Schulen sind. Ab dann ist sicher die Frage, was in offenen Schulen stattfindet. Ich weiß, daß sich z.B. Glasersfeld als radikaler Konstruktivist auf Piaget bezieht, halte das aber für ein Mißverständnis. Piaget geht durchaus davon aus, daß es eine Welt gibt, die zu erkennen ist - er betont nur, daß die Erkenntnis vom Erkenntnißubjekt selbst "konstruiert" werden muß, ihm also nicht per Lehre eingetrichtert werden kann. Man könnte auch sagen: das Erkenntnißubjekt muß sich Erkenntnis "aneignen", sich also das, was gesellschaftlich schon bekannt ist, zu eigen machen, wirklich verstehen o.ä. Aber Piaget meint etwas mehr, so ist eine Zahl eine wirkliche Konstruktion, bzw. die Erkenntnis, daß eine Menge bei Verformung konstant bleibt, auch in Bezug auf Gewicht und Volumen, ist auch eine Konstruktion (z.B.: was dort weniger ist, ist jetzt hier mehr, insofern ist die Menge gleich geblieben). Noch mal zu Holzkamp: er konzipiert als analytische Begriffe "expansiv begründetes Lernen" vs. "defensiv begründetes Lernen". Immer sind sie [Schüler, Einfügung JG] Subjekte ihres Lernens. Es geht nur darum, ob sie lernen, um Bedrohungen zu entgehen (z.B. schlechte Zensuren) - oder um ihre Lebensqualität zu verbeßern. Außerdem kann man im Falle defensiv begründeten Lernens lernen auch vortäuschen, indem man z.B. abschreibt oder so - was bei expansiv begründetem Lernen nicht möglich ist, man kann zwar auch aufhören zu lernen, wenn es zu schwierig wird oder man sonst wie die Lust verliert - aber dann erhöht man seine Lebensqualität eben nicht. Mein Buch [über den Umgang mit Kindern. Argument Sonderband NF: Band 269 by Gisela Ulmann, Argument Verlag; Auflage: 2., Aufl. (2003), Einfügung JG] habe ich ja lange vor Holzkamps Buch "Lernen" geschrieben, und dabei habe ich auch geschrieben, daß verordnetes Lernen u.U. auch zu einem je eigenen Lernprojekt werden kann. Ich muß z.B. ein bestimmtes Buch in der Schule bzw. für die Schule lesen - und entdecke dabei einen wunderbaren Stil oder intereßante Inhalte oder oder... Ich habe ja mehr als 40 Jahre an der Universität gelehrt. Ich hätte mir die Sache leicht machen können, indem ich einfach - wie andere das auch tun - in den Seminaren Studierende Referate halten laße. Aber ich denke, es ist meine Aufgabe, das, was ich selbst weiß und in der langen Zeit gelernt habe und wichtig finde, mitzuteilen und zur Diskußion zu stellen. Selbstverständlich frage ich in jedem Seminar auch, was Studierende - zur Thematik - intereßiert, was sie vortragen wollen etc. - aber eben nicht nur. Aber es hat sich dann so ergeben, daß ich viel vorgetragen habe und wenn man so will allermeist "Frontalunterricht" gemacht habe. Allerdings habe ich nie Lehrbücher verlesen oder sowas schreckliches, sondern "Thesenpapiere" erstellt, die Thesen dann mündlich begründet, was zu engagierten Diskußionen führte. Oft habe ich dabei was gelernt. Die Studierenden haben meine Art des "Lehrens" geschätzt, weil sie anregend war und zum Nachdenken veranlaßte. In Prüfungen drehen sich die "Rollen" sozusagen um: die Studierenden stellen ihre Forschungsergebniße zur Diskußion. Wenn ich zu meinem kleinen Enkel seit er 1 Jahr alt war und Sprache ansatzweise verstehen konnte, sag(t)e: "ich zeig dir mal was, vielleicht gefällt es dir!" wird er immer ganz ruhig und aufmerksam ("gespannt", aber entspannt). Meist gefällt es ihm dann - und wenn nicht, machen wir was anderes, meist etwas, was er vorschlägt. Aber ich denke, er würde sich nicht sooo freuen, wenn ich zu ihm komme, wenn er nicht wüßte, daß ich ihm "mal was zeige", worauf er noch nicht gekommen ist. Diese wenigen Mails können naturgemäß nicht alle Fragen klären und auch nicht alle Verstehensunterschiede ausräumen. Frau Ulmann möchte nicht an diesem Forum teilnehmen, hat aber freundlicherweise die Genehmigung erteilt, ihre Mails hier zur Verfügung zu stellen. Jürgen Göndör, November 2008 |